County Donegal - Irland
.... Doch der Weg der Steine endet nicht in Newgrange, sondern in der Stille von Beltany, wo man dem Schweigen der Steine lauschen kann. Sechzig Steine stehen auf einer Bergkuppe in der Nähe des Ortes Raphoe zu einem weiten Kreis geschlossen. Wenn man sich mit Freunden um ein Feuer setzt, bildet man ganz instinktiv einen Kreis und keine Raute. Amerikanische Football Mannschaften, die sich für den bevorstehenden Kampf aufputschen, drängen sich zum Kreis und stellen sich nicht in einer Linie auf. Schamanen, die böse Geister bannen wollen, ziehen einen Schutzkreis um sich. Der Kreis ist ein Archetypus. Einem anderen, bekannteren Ort ist es zu verdanken, daß man den Steinkreis von Beltany für sich allein hat. Die ungeteilte Aufmerksamkeit der meisten Touristen gilt dem Ringfort, das Grianan of Aileach heißt und eine halbe Fahrtstunde nördlich von Beltany liegt. Zugegeben, die runden Mauern, die darin eingebauten Kammern, die Stufensysteme der Schanzen dieser Festung sind sehr attraktiv. Doch was die Touristen dort sehen, ist eine Rekonstruktion aus dem Jahr 1870. Denn die eigentliche Anlage von 500 nach Christus ist sechshundert Jahre später erobert , zerstört und fast vollständig abgetragen worden. Kein Archäologe zweifelt daran, daß es sich bei Steinkreisen wie dem von Beltany um alte Versammlungsorte und Ritual- oder Inaugurationsplätze handelt. In keinem von ihnen sind bei Ausgrabungen - jedenfalls in Irland - jemals Fundstücke geborgen worden, die auf eine Behausung schließen lassen. Scherben von Tongefäßen begründeten eher die Vermutung, daß hier mit Opfergaben gefüllte Gefäße zerschlagen wurden. Gemeinsam haben viele dieser Kreise einen liegenden Stein, der wie ein Altar wirkt, und einen einzelnen, außerhalb des Kreises stehenden Monolithen - den Platz des Außerordentlichen: der weisen Frau, des Druiden, des Vorbeters, der Schamanin. Doch nichts, kein Fundstück, keine nachgetragene Aufzeichnung, gibt einen Hinweis darauf, welche Gewalten oder Göttinnen hier angebetet wurden, welcher Art die Rituale waren, welche Gesänge in welcher Sprache welche Wesenheiten beschworen. Es ist kein Zufall, daß sich die Historiker demzufolge viel lieber mit dem Mittelalter beschäftigen, das in allen nur denkbaren Details aufgezeichnet und dokumentiert ist. Das allumfassende Nichtwissen manifestiert hier nicht Mangel, sondern Chance.
Auf einer Bergkuppe über der irischen Landschaft liegt der Steinkreis von Beltany, herausgehoben, von massiven Steinen abgeschieden, stark. Nicht die geringste Spur, keinerlei Überbleibsel von Philosophie, primitivem Wissen oder esoterischer Praktik ist uns überliefert von den Menschen, die sich hier vor Urzeiten versammelt haben. So ist Beltany ein Platz, frei seinen eigenen Sinn für Magie zu schärfen. Viele der Steinkreise Irlands haben ihre Kraft verloren. Statt wie ursprünglich auf Lichtungen des mildfeuchten irischen Gestrüppdschungels gelegen oder in der schauderhaften Entlegenheit von Mooren, findet man sie heute in kahlgeschlagener Landschaft, neben Kiesgruben, auf kuhfladengefleckten Weiden, neben intensiv bewirtschafteten Feldern und hinter billigen, zweckmäßigen Bungalows. Nur wenige Steinplätze haben ihre Intensität bewahrt; Beltany ist einer von ihnen. Herausgehoben, entrückt stehst man über dem Land. Zwischen den Wolken brechen goldene Strahlen hervor, lassen das Land im Dunst aufleuchten. Schweigen ist der einzig angemessene Wechselgesang zur Stille dieses Platzes.
Quelle: Magisch Reisen – Irland, Sabine Korte / Mathias Weigold, Goldmann Verlag, ISBN: 3-422-12292-9
|